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Nachlese: SchuPs 2017 in Leipzig


„Was soll in der Klinikschule gelingen, was vorher nicht gelungen ist?“ – „Inklusion ist dann erreicht, wenn die Gymnasien abgeschafft sind!“ – „Leipzig wird abends erst richtig schön!“
Das waren klare Ansagen: Die Vorträge im beeindruckenden Hörsaalgebäude der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig hatten es in sich und ließen an den drei Tagen keine Langeweile aufkommen. Die Leipziger Kolleginnen und Kollegen haben eine SchuPs-Tagung auf die Beine gestellt, die in fachlicher, kultureller und geselliger Hinsicht einfach wieder Spitze war!
Es ging schon am Mittwochabend los: Vier junge Männer, ehemalige Sänger des Thomanerchores, gaben Kostproben ihres immer noch phantastischen musikalischen Könnens und sorgten für wahre Begeisterungsstürme. Grußworte des Leiters der Regionalstelle Leipzig der Sächsischen Bildungs-agentur, Jörg Heynoldt, und des Juniorprofessors für Pädagogische Prävention von Entwicklungsbeeinträchtigungen und Frühförderung an der Universität Leipzig, Markus Spreer, lenkten dann die über 250 Fachtagungsteilnehmer inhaltlich in Richtung des Themas der Tagung: „Genesung, Bildung, Erziehung – ALL INCLUSIVE“.

 

 

In den Donnerstag wurde zunächst mit Kultur gestartet: Vier Schülerinnen und Schüler der Leipziger Klinikschule stellten auf der Theaterbühne ihre Gedanken übers „Falsch sein, richtig sein, falsch machen und richtig machen“ vor und wünschten für sich und ihren weiteren Lebensweg vor allem Zuversicht.

Cornelia Heilmann von der Klinik- und Krankenhausschule beschrieb dann sehr eindrucksvoll, dass vor allem (aber nicht nur) die jungen Kolleginnen und Kollegen in ihrem Enthusiasmus und nicht zu bremsenden Tatendrang die Leipziger SchuPs-Veranstaltung auf die Beine gestellt haben.
Carola Hiersemann als Beauftragte für Menschen mit Behinderung der Stadt Leipzig beschrieb Leipzig als inklusive Stadt – was man ihr anhand der angeführten Beispiele auch sofort abnahm. Was man ihr auch abnahm, aber in den nächsten Tagen natürlich selbst überprüfen musste, war die Aussage: „Leipzig wird abends erst richtig schön!“
Professor Dr. Stephan Ellinger aus Würzburg zeigte dann, dass es gar nicht so einfach ist, die gesell-schaftliche Mitte, um die es in seinem Vortrag ging, zu bestimmen. Das althergebrachte Modell von Unter-, Mittel- und Oberschicht, das vielen Tagungsteilnehmern noch aus ihrer eigenen Studienzeit geläufig ist, stellt die gesellschaftliche Realität nur unzureichend dar. Mit den Sinus-Milieus versucht man abzubilden, „was die Menschen bewegt und wie sie bewegt werden können.“
Erst recht schwierig ist es für den Einzelnen, seine Position in der Gesellschaft zu lokalisieren: Welche Grundüberzeugungen habe ich? Welche Motive treiben mich an? Durch welche Interpretationsbrille verstehe ich die Welt? Wodurch wird meine Wahrnehmung beeinflusst? Bilder, die in unserem Kopf entstehen, sind ziemlich einfach zu manipulieren. Kerze oder Klopapier: „Fenster aufreißen und in die Welt hinausgehen ...“ – Professor Ellinger führte vor, dass schon ein einfaches Gedicht, je nach visueller Begleitung, unterschiedlich verstanden werden kann.
Professor Dr. Daniel Haun aus Leipzig forderte eindringlich dazu auf, kulturelle Unterschiede zu akzeptieren und als bereichernd wert zu schätzen. Wer Kinder verstehen will, muss auch den kulturellen Kontext berücksichtigen, in dem sie aufgewachsen sind! So sind die Werte Autonomie, Individualität und Intelligenz bei der Aufzucht in unserem Kulturkreis enorm wichtig, während z.B. in afrikanischen Kulturen Gesundheit und soziale Verantwortung in der Wertehierarchie ganz oben stehen. Selbstverständlich hat dies konkrete Auswirkungen im Umgang der Kinder und Jugendlichen untereinander, aber auch im Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule.
Unterhaltsam erinnerte der Freitagmorgen alle Teilnehmer erneut daran, dass die SchuPs-Tagung in der Stadt der Musik zu Gast war: Der Tag wurde musikalisch eingeläutet. Ein Quartett mit Querflöte, Triangel, Keyboard und Circa-Alphorn hatte aber erst mal große Probleme, sich aufzustellen und sich auf die Musik zu konzentrieren, wobei die Frau mit dem kleinsten Instrument die Orchestermänner am meisten durcheinander brachte. Zum Glück sorgte dann die herangerauschte, glockenklare Solistin für die nötige musikalische Ordnung in dem Musikerhaufen – wenngleich die Verhaltensauffälligkeiten der männlichen Ensemblemitglieder eher zu- als abnahmen. Phantastisch saukomisch!
Dr. Evmorfia Fromme von der Therapiestation für abhängigkeitserkrankte Kinder und Jugendliche am HELIOS Park-Klinikum in Leipzig versorgte die Tagung mit vielen Details und Forschungsergebnissen zum Drogenkonsum bei Kindern (jawohl!) und Jugendlichen. Sie verdeutlichte, dass dem Rauchen beim Einstieg in den Substanzkonsum eine entscheidende Rolle zukommt: Nicht was geraucht wird, sondern dass geraucht wird, ist ausschlaggebend - je jünger, je gefährdeter. Sie zeigte, dass bei solcherart „vorbereitete“ Kindern und Jugendlichen der Substanzkonsum entwicklungspsychologische Entwicklungsstufen „übernehmen“ kann. Zum Beispiel kann durch den Drogenkonsum eine (scheinbare) Unabhängigkeit überdeutlich demonstriert werden und die elterliche Kontrolle bewusst ausgehebelt werden, wo es doch eigentlich um die ganz normale Abnabelung von den Eltern geht.
Das Problem der Grenzziehung stellt in der heutigen familiären, aber auch außerfamiliären Erziehung eines der entscheidenden Probleme dar. Der Medienkonsum und die damit verbundene Medienkompetenz oder eben Nichtkompetenz ist ein Thema, dem sich Familie und Schule stellen müssen!
In Richtung Schule verwies Dr. Fromme ganz deutlich darauf, dass ein Schulabschluss und damit die Teilhabe in der Gesellschaft wichtige Bausteine der Prävention darstellen.
Auch Professor Dr. Birgit Herz aus Hannover befasste sich mit dem Begriff der Teilhabe und den Phänomenen der Aussonderung und einer häufig beobachteten Problemdelegation im Leben psy-chisch beeinträchtigter Kinder und Jugendlicher. Wenn die Betroffenen in der Klinik und damit häufig auch in der Schule für Kranke landen, muss man sich fragen: „Was soll in der Klinikschule gelingen, was vorher nicht gelungen ist?“ Schulische und außerschulische Institutionen sind hauptsächlich für Normalbiographien ausgelegt und deshalb kaum gute und sichere Orte für „psychisch schwer verletzte“ Kinder und Jugendliche. Diese werden häufig „wie eine heiße Kartoffel“ hin- und hergeschoben – Problemdelegation als Mittel der Wahl mit dem Ergebnis einer umfassenden Segregation. Stattdessen bräuchten sie aber Gegenerfahrungen in Welten, die gut genug sind, um Raum für stärkende Erfahrungen, Einsichten und gute Entwicklung zu bieten. Professor Herz problematisierte die zunehmende Psychologisierung pädagogischer Problemlagen. Sie machte „weitere pädagogische Sackgassen“ aus, wenn sich die Pädagogik ihre Kernaufgaben von der Medizin aus der Hand nehmen lässt. Klinik und damit Klinikschule bleiben quasi alternativlos, weil schulische und außerschulische Regelsysteme vor den Problemkonstellationen bereits kapituliert haben und „weil die Übersetzung seelischer Notlagen in den vorgeschalteten Institutionen nicht gelingt.“
Professor Dr. Kai von Klitzing, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik  des Kindes- und Jugendalters der Universitätsklinik Leipzig, musste in seinem nachfolgenden Vortrag hier natürlich widersprechen. Seiner Meinung nach braucht man die Medizinisierung und Psychologisierung im Umgang mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen.
Thema seines Vortrages waren aber „die beiden Geschwister“ Depression und Angst im Kindesalter. Angst kann sich bei Kindern entwickeln, indem ängstliches Verhalten und ängstliche Affekte der Bezugsperson übernommen und internalisiert werden (Mittels Youtube zu beobachten: „social referencing“). Professor von Klitzing berichtete über Studien, die davon ausgehen, dass ca. 10 bis 20 Prozent aller Mütter im Zeitraum von 1 bis 2 Monaten nach der Entbindung postnatale Depressionen entwickelten. Und dies wiederum führe bei ca. 40 Prozent der Kinder zu Depressionen oder depressiven Episoden im späteren Lebensalter. Als Hinweise auf eine depressive Symptomatik bei Schulkindern zählte er auf: Verbales Beschreiben der Traurigkeit, suizidale Gedanken, Befürchtungen, dass Eltern nicht genügend Beachtung schenken, Schulleistungsstörungen und Schulvermeiden sowie Hyperaktivität und aggressives Verhalten. Als Mittelpunkt einer erfolgreichen Therapie wurde die sozialpsychiatrische Intervention in Familie, in der Schule und im Stadtteil(!) beschrieben.
Auf wohltuend ruhige Art startete der Samstagmorgen. Nach der „rauschenden Ballnacht“ am Frei-tagabend in der Leipziger Moritzbastei stimmten Querflöte und Keyboard die Teilnehmer auf den letzten, spannenden Tag der SchuPs-Tagung in Leipzig musikalisch ein.
Professor Dr. Kerstin Popp vom Bereich der Verhaltensgestörtenpädagogik der Erziehungswissen-schaftlichen Fakultät der Universität Leipzig ließ es dann auch so richtig krachen: „Inklusion ist dann erreicht, wenn die Gymnasien abgeschafft sind!“ Bevor sie auf den Punkt brachte, was vielen Lehr-kräften in Schulen für Kranke schon seit langem schwante, bekamen die Schulen für Kranke aber selbst ihr Fett weg: „Die Schule für Kranke ist per se Segregation“ und „Die Schule für Kranke ist mit dem totalen Verständnis der Inklusion (WOCKEN) nicht vereinbar“. Wie jetzt? Ist die Schule für Kranke nicht das Beispiel für Inklusion par excellence? Werden in der Schule für Kranke nicht alle Kinder und Jugendlichen da abgeholt, wo sie stehen? Na ja – wenn man Professor Popps Aufzählung der Knackpunkte in schulischen Laufbahnen massiv auffälliger Kinder und Jugendlicher folgte, musste man sich schon die Frage stellen, was die Schule für Kranke für die Inklusion der Betroffenen bewirken kann. Inklusion heißt nämlich auch bei „übergriffigem Verhalten, gestörten Lernprozessen, Zumutung und Überforderung“ einer Ausgrenzung/Ausschulung entgegenzutreten.
Dr. Michael Kroll als Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psy-chotherapie des Asklepios Fachklinikum Stadtroda befasste sich zum Ende der SchuPs-Tagung 2017 mit dem Thema „Psychische Gesundheit und Störungen im Arbeitsalltag von Pädagogen“. Und es war schon erstaunlich, wie viele unterschiedliche Spiegel die anwesenden Pädagoginnen und Pädagogen von einem Mediziner vorgehalten bekamen.
Ganz aus der Sicht des Arbeitsschutzes stellte Dr. Kroll Bildung als ein System mit einer komplexen psychologischen Interaktionsdynamik, bestehend aus ganz vielen beteiligten Personen, Institutionen und Bausteinen vor. Jedes dieser Teile kann zum Gelingen oder Misslingen beitragen. Da geht es um Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmale der Lehrperson, da geht es um Zusammenarbeit innerhalb eines Kollegiums, da geht es um Ansprüche und Erwartungen von Eltern, da geht es um Einflüsse des „digitalen Zeitalters“, da geht es um Änderungsbereitschaft oder resignative Akzeptanz („Der Mathematikunterricht kann in der einen Klasse für die Schüler den Himmel auf Erden bedeuten – und eine Tür weiter die Hölle. Wir wissen dies und ändern es nicht!“), da geht es um die Fähigkeit, das eigene Leistungsvermögen und die eigenen Ansprüche zu hinterfragen, da geht es um klare Regeln und Strukturen an der einzelnen Schule, da geht es um Pausen und „ruhige Örtchen“ auch für Lehrpersonen usw. usf.
Dr. Kroll präsentierte innerhalb von 50 Minuten einen außerordentlich detailreichen Blick auf die Bedingungen, unter denen Bildung heutzutage stattfindet und zur Gesundheit oder Nichtgesundheit der daran Beteiligten beiträgt.
Was bleibt noch zu erwähnen? Natürlich die vielen facettenreichen nachmittäglichen Workshops mit theoretischen und praktischen Anteilen, die beeindruckenden Stadtführungen durch Leipzig und natürlich der kollegiale Austausch und das gesellige Miteinander, welche wieder einmal dem besonderen Charakter einer SchuPs-Tagung das I-Tüpfelchen aufsetzten. Einen großen Dank an das gesamte Leipziger Team, namentlich möchten wir hier insbesondere Ulrike und Ulrike, Michael und Clemens für eine großartige Planung und Durchführung nennen. Leipzig 2017 wird sicher in den Annalen der SchuPs-Tagungen einen würdigen Platz finden.
 

 

Herborn 2019

aktuelle Zeit
17. October 2018, 23:37
Start am
18. September 2019, 18:00
verbleibende Zeit
335 Tage
18 Stunden
22 Minuten

Hamburger Erklärung

Hamburger Erklärung: Im Rahmen der SchuPs-Tagung in Hamburg 2013 wurde die sogenannte Hamburger Erklärung verabschiedet. Hiermit fordert die Schule für Kranke eine deutschlandweite Anpassung der Schulen für Kranke durch die Ministerien der einzelnen Bundesländer an die Veränderungen der Medizin.
linke Seite unter HAUPTMENÜ

Bilder Hamm 2018

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